18.01.2015

Kritik außer Kritik: „Seifenblasen statt Emigration“


Versuch einer Replik auf die Anzeige von Gertrud Kolmars „Briefe“, (Göttingen, Wallstein 2014), … „wenn ich nicht eigentlich träume, so wache ich auch wieder nicht“...von Wolfgang Schneider (FAZ 03.01.2015, S.10)

Jüdische Existenz unter dem Faschismus, Berlin 1938 bis 1943, sie endet in Auschwitz! Da fällt zuerst ihr Bild in den Blick, es darf nicht unerwähnt bleiben, Gertrud Kolmar, die ermordete jüdische Dichterin, gleicht im Antlitz einer Schwester von Franz Kafka, dem Weltautor. Ihr einprägsames Bild greift weiter und trifft uns heute im breiteren Kontext, der globalisierten Kulturwelt. Es tritt uns in einer Schärfe des Blicks entgegen, der einen direkten Augenkontakt setzt und spontan alles sonst auf dieser Seite in Schwarz-Weiß Gedrucktes vergessen lässt. Es packt uns diese klare von innen her trotzende Sicht des widerstehenden Blicks, der unser mentales, geistiges Bewusstsein überwältigt, als gäbe es nur diese ausschließende, alles andere hinter sich verschwinden lassende Augenverbindung. Man braucht nicht, auf Bedingungen des Beschädigten Lebens, die Adorno noch prognostizierte, zurückzugreifen. Der Bezug auf das an der Gesellschaft leidende Interieur könnte – unangemessener Weise – von zu banaler, äußerlicher Art sein. Hier ist es Kraft des Innern, die sich ausdrückt, eine besondere Kraft des geistig mentalen Widerstands. „Das Höchste im Menschen“ wird, wie Goethe es forderte, als ein „in edler Tat“ gestaltetes über alle Grenzen hinweg erkennbar.

Das ist ein brisantes Thema. Es kann nicht mehr nur als ein weiterer Beitrag zur inneren deutschen Exilliteratur abgehandelt werden, wenn es auch doch zu Recht zunächst als eine deutsche Angelegenheit einschlägt!
Es ist offensichtlich, das Buch ergänzt das breite Spektrum der Literatur über innere jüdische Exilierung. Es ist, wie ich meine, jedoch nicht allein darauf festzulegen. Das, was wir aus dem Tagebuch von Anne Frank kennen, das „normale“ Leben im Versteck, wird durch den brieflichen Bericht über den offenen, gewöhnlichen Alltag bei zugleich völliger Privatheit ergänzt. Berlin, so als wäre nichts! Ein stillschweigendes Arrangement mit den Sonderbehandlungen, einschnürenden Regelungen, Unterdrückungsmaßnahmen, verästelt in kleinen und breit wirkenden, großen Erniedrigungen und Verstümmlungen des Lebenszirkels einer jungen Frau, einer Berliner Bürgerin, einer Lyrikerin. Es zeigt sich die “Normalität“ der verordneten Zusammenlegung in einer der arbeitslagerverwalteten „Judenwohnungen“! Es wird deutlich, dass diese jüdische Existenz so ist, wie sie eingerichtet wurde, ein verlorenes Leben, und doch springt ein seelisch fein gefügtes, und als solches gelebtes Leben heraus, in Briefen erzählt. Und da fällt auf:
„Je länger Gertrud Kolmar kein einziges Wort über Antisemitismus, Terror und Krieg riskiert desto mehr erscheinen ihre Briefe von ungeheuerlichen Leerstellen und Aussparungen gekennzeichnet“.

Wer es bei der Erweiterung der inneren Migrations-Saga nicht belassen will, wird nach weiterführenden Inhalten suchen müssen. Da deutet sich zunächst an, dass die Praxis der Lebensform unter Bedingungen der äußeren Verarmung und Verneinung der Existenzberechtigung zu mentalen Minimalisierungen führt, die ihre Spuren im Inneren des seelischen Lebens hinterlassen: Gertrud Kolmar gewinnt darin auch ihre Kraft, „jede Ungunst von Zeit und Raum zu besiegen“. Und dann noch, selbst die dunkle Fabrikhalle wird am Montagmorgen mit dem Gefühl betreten, „Wieder zuhause!“ zu sein. Und so, in der Ahnung des bevorstehenden Vernichtungstodes, schrieb sie zuvor schon: „So will ich auch unter mein Schicksal treten, mag es hoch wie ein Turm, mag es schwarz und lastend wie eine Wolke sein.“ 
Jeder Versuch dieses Leid, als 'intellektuelles Leid' zu verallgemeinern, verbietet sich angesichts dieser von Deutschen ermordeten „Rüstungsjüdin“, nicht nur, auch ist jeder Vergleich unangemessen! Damit wäre das Kapitel der inneren literarischen Exilierung abgeschlossen.

Mein weiteres Fragen beginnt aber hier mit uns: Nehmen wir dieser sonderlichen brieflichen Präsentation des Lebens und des Todes dieser Lyrikerin nicht den 'thrilling effect', den Schrecken, wenn es bei der bloßen Historisierung bleibt und wir ihr Schweigen nur in sich sehen und nicht weiter über es hinaus denken? Denn der Text beschäftigt uns heute und fordert uns heraus, gerade weil er aus einem besonderen lyrischen Ego im stillen, inneren -migrationsalltag spricht. Er verfehlt eben darin seine Wirkung nicht, die er auch hat, dann auch haben könnte, wenn wir ihn doch – unangemessener Weise – auf die subtilen Existenzbedingungen der (intellektuellen) Existenz in der Gegenwart beziehen würden.

Es sind da diese subtilen Träume, die Ansammlungen luftiger Züge in die Ferne und platonischer Liebe im gegenwärtigen Fabrikleben. Da haben wir den Orient: Das alte Märchen von der Zauberseifenblase wird der Nichte erzählt. Wie in eine Glaskugel hinein versetzt, möchte Kolmar über Städte, Flüsse und hohe Berge hinweg fliegen, in die Schweiz, der dorthin emigrierten Nichte wegen, und doch weiter noch über die Alpen und das Meer hinweg sich nach Palästina träumen.
Die Idee eines farbig lebendigen Landes scheint ihr vorzuschweben, als wäre es nur angefüllt von Lebensbäumen, aber nicht schon von Menschen bewohnt. In Praxis ihrer Lebensgestaltung bemüht sie sich nicht um die Reise nach dort, wenn sie sich dafür auch einem physisch-seelischen „Training“ unterzieht. Und da geht es jetzt, in diesem Deutschland, wieder um den orientalischen Honiggehalt von Dresdener Stollen, oder überhaupt um die exotischen Gewürze von jedem „braunen Pfefferkuchen“. Das Spiel mit der klar sichtbaren Unerfüllbarkeit vom inneren Frieden im Traum vom Südosten und entsprechende Trockenübungen in Richtung Orient sind wieder aktuell. Und man weiß nicht welche Sprengkraft es in sich birgt. Zur Erinnerung, Gertrud Kolmar leistet Schwerstarbeit unter Lagerbedingungen, und doch lebt sie mit diesem Paradox und will sich gewissermaßen physisch-spirituell für Palästina „trainieren“? Nein, Geistern wie Albert Einstein und Hannah Arendt wäre das nie in den Sinn gekommen! Oder doch? Unter diesen Bedingungen?

Es ist aber so, dass Gertrud Kolmar unter den gegebenen Bedingungen, – vielleicht nicht nur, man kann es nicht wissen, darf man es fragen? – „kein einziges verstelltes Wort“ riskiert, über
– Antisemitismus!
– Terror!
– Krieg!
Unter alle dem leidet sie, und sie schweigt darüber doch!
Wir sind an Begriffs-Auflistungen gewöhnt, diese des Rezensenten trifft – so fällt uns nicht eben nur unangemessener Weise ein – ein paar Leerstellen der gegenwärtigen intellektuellen Existenz! Auf welche Aussparungen oder stille Affirmation hin ist unsere, diese reflexive Lebensweise – nicht erst seit 9/11, seitdem aber mit den ungeheuerlichsten Mitteln des Öffentlichkeit-Machens in den, mit den Insider Jobs – trainiert worden? Zu Recht! Sagen wir! Oder, doch eben mit den verheerendsten psychologischen Mitteln! Also, Gertrud Kolmar, wenn wir das lesen, weist uns auch auf – to connect! – die Bedingungen unserer eigenen Existenz hin. Damit ist umzugehen! Es gibt keine „Zensurangst“, keinen „Zwangsapparat“, nur die innere Modulation von alten „triebhaften“ Erfahrungs-, Erlebnis, Ereignis-Teilnahmen: unsere irritierte Empfindsamkeit, die sich erweitert und dann verschwindet: die fortlebende Existenz des Andern!

Vielleicht kann man das Erscheinen der „Briefe“ von Gertrud Kolmar als ein Zeichen dafür lesen, wie sehr wir uns in ideeller Not befinden, weil wir mit bewegenden Fragen unserer Existenz in luftigen Bögen über Landschaften und ihre Geschichte ziehen, und gegenwärtig uns praktisch nur auf verstelltem Terrain bewegen.

M.E. Stroughton

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