M. E. Stroughton alias Amalso


Amalso mit Freund und Gast auf Darmstadts Mathildenhöhe  

 Amalso hatte wieder einmal in den kritischen Tagebüchern von Max Frisch gelesen und alle guten Vorsätze sich mit schönem Schreiben vor der Politik zu retten aufgegeben. In diesen Tagen der besonderen Vorliebe zur Kriegstreiberei der britischen Medien und Regierung war Amalso, er konnte es sich fast selbst nicht verzeihen, innerlich zur anti-britischen Front übergetreten. Sein schlechtes Gewissen brachte ihn fast um den Nachtschlaf.
Amalsos demokratisches Selbstverständnis verrannte sich bis ins Mark. Er ist ein Freund der Mathildenhöhe in Darmstadt, die aber, alle wissen es, ist eine großherzogliche Schöpfung, nur wollte er davon wie überhaupt von der Familiensache des Darmstädter Hochadels nie etwas wissen. Er hatte aber kürzlich Anlass darüber einmal nachzudenken. Das Sinnieren - heute am Tag nach den israelischen Bomben auf Damaskus - über das kürzlich stattgefundene Treffen mit einem Freund und dessen hochgebildeten englischen Gast verschaffte ihm einen unruhigen Bettmorgen. Nach ‚Bach‘ und ‚Scarlatti‘ in der letzten Stunde des ARD-Nachtkonzerts sagte er sich, bevor es zu spät ist und alles vergessen, springe ich jetzt aus dem Bett und schreibe das auf.
Damit er seine Unschuld verlöre, ging er zunächst ins Internet.  Er vernahm beunruhigende Nachrichten zu Syrien. Russland und Amerika hatten eine Friedenskonferenz und Zusammenarbeit ihrer Dienste zum Thema Giftgaseinsatz vereinbart. Syrien ist vom Netz, es kann nur das Regime sein, wie damals in Ägypten als Mubarak dennoch gestürzt wurde, berichtete The Guardian wie alle! Jetzt aber noch Wikipedia: Luftangriff in Darmstadt. Kaum zu glauben, Darmstadt hatte seinen 9/11 schon 1944 als die Feuerwand einer Bombennacht hereinbrach. (Oh, ‚Geheimes Deutschland‘, oh,  welch geheimnisvollen Mächte um ein solches Datum!)
Amalso schloß das Internet und kam auf seinen gedankenvollen  Bettmorgen zurück:
Es begann mit der Anfrage eines Freundes, er habe einen Freund aus England zu Besuch, sie wollten in Darmstadt die Oper besuchen: Salomé. Könne Amalso ihnen davor die Stadt zeigen? Der Freund ist bekannt für seine Arrangements guter Konstellationen. Diesmal passte es Amalso aber nicht so gut! Wie könnte er eine Strauss-Oper überstehen, mit Wilde-Libretto, wahrscheinlich John Dew als Regisseur, mit einem unbekannten Engländer davor, in den Pausen und danach in der Nähe? Eigentlich nicht. Aber darum schien es ja wohlweißlich auch nicht zu gehen. Stadtführung, nein! Denkbar schlecht auf die Stadt selbst zu sprechen. Er sagte schließlich für etwa zwei Stunden Mathildenhöhe/Rosenhöhe zu, bei Regen verlängerte Café- bzw. Ausstellungsaufenthalte.   
15.30 Darmstadt Hauptbahnhof. Regen, also Besichtigung der Mathildenhöhe. O.K! Sie trafen sich in der Bahnhofshalle, der Freund lächelte, der Gast war freundlich sanft, winterlich, braunes wolliges Fischgrätentuch, für einen City-Man, als den er sich später vorstellte, recht salopp! Zu grün! Germany. Ja, man kannte sich, hatten sie sich in Oxford einmal gesehen, der deutsche Orientreisende oder so ähnlich, war da nicht auch eine Frau? Der Freund erzählte etwas von German-English Relations, Darmstadt war wie Mainz ausgebombt worden.  Ja, sagte Amalso, überall Bomben und Ruinen, sagte er, als sie  auf den Bahnhofsplatz hinaustraten mit  einer weit nach Osten hin kreisenden Hand. Der Gast aus London sagte etwas von Harris und Montgomery. Ja, sagte Amalso, Darmstadt war eine zauberhafte Stadt vor dieser Nacht mit 12.000 Toten, keine Militäranlagen, kaum eine Industrieanlage getroffen. Es musste sein, er fügte hinzu, dass  er kürzlich im Roman eines Ägypters (Ibrahim Abdel Meguid, No one sleeps in Alexandria) gelesen habe, wie die italienische und effektiver noch die deutsche Luftwaffe 1942 in Alexandria vorzugsweise nur dicht besiedelte Wohngebiete bombardiert hatten. Das wäre ihm vielleicht ohne den Ägypter gar nicht bekannt geworden! Stillschweigend bemerkten alle, dass jetzt mit dieser Nachricht eine ausgleichende Stimmung nicht mehr zu gewinnen war. Amalso merkte, wie dumm alle weiteren auf Balance zielende Anstrengungen jetzt erscheinen würden! Gast war klug, bleiches schmales sehr schönes, eher französisches Männergesicht, und blieb immer zuvorkommend.
Auf zur Mathildenhöhe: Very impressive! Jetzt kam das Großherzogtum, wie kann man einem gebildeten Freund aus Mainz gegenüber Darmstadt mit Hessen-Nassau in Verbindung bringen, nicht zu entschuldigen. Soll er jetzt etwas von unpräziser „Oral History“ faseln, oder wie der Name der Landeskirche, den er immer mit Darmstadt verbunden hatte,  sich hier auf sein schlechtes Gedächtnis ausgewirkt hatte? Völlig unnütz davon zu reden! Er schwieg und hörte weiterhin den sehr aufschlussreichen, at hand aus dem Internet angereicherten Vortrag zur hessischen und Darmstadt-Mainzer Landesgeschichte an. Amalso sagte sich ganz im Stillen: ich persönlich kannte wenigstens den Großherzog aus einem HR3-Fernseh-Doku vom 17. September 1961 „An mein Volk“, Anlass war eine Ausstellung des gleichen Namens in der ‚Mathildenhöhe‘, ich hatte aber sonst alles vergessen. Es war sein großes Geheimnis, und er behielt es für sich. Jetzt aber, meint Amalso, dürfe er es ausplappern: Er durfte zusammen mit seiner damaligen Freundin bei dieser Filmreportage mitwirken, als Statisten; Jugend mit ernsten Gesichtern vor großherzoglichen Denkmälern und ausgestellten Urkunden  und Redemanuskripten. Der englische Gast fand ein ausgesprochen spezifisches Interesse daran, sich die ausgesprochen schwierigen Zusammenhänge zwischen dem Aufstieg der deutschen Länder, des demokratischen Förderalismus und dem Ende der Preußisch-kaiserlichen Macht erläutern zu lassen. 
Für Romantik und Persönliches war sodann noch moderat ein Raum der Verständigung geblieben, und Freund und Gast wunderten sich über diesen verwischten ‚Orientalismus‘ des Komplexes.  So etwas wie die malaysischen Körper und Gesichter unter den Platanen im Hain hatte man in Deutschland nicht vermutet, auch nicht einen öffentlichen, heiligen Tempelsee. Dieser, betonte  Amalso, sei sein völlig eigner ägyptischer See in Darmstadt. Auch das barg Anlass zu Missverständnis. Später erst im Ernst Ludwig Museum finden sie Hinweise auf starke englische Einflüsse, Großherzog war mit den ‚Royals‘ verwandt, in Darmstadt hatten viktorianische Hofkünstler gewirkt!
Reflektionen im Café: Das literarische Gesicht Darmstadts? Mittelmäßige Expressionisten, auf die man immer noch stolz ist. Überragend und wichtig zwei Säulen – Extrempole der modernen deutschen Literatur: Georg Büchner und Stefan George. Dass Letzterer ein Darmstädter war, bevor er nach Paris ging und dann wieder zurück in die deutsche Welt, wird meist unterdrückt. Aus unerklärlichen Gründen gab es in Darmstadt so etwas wie einen stillen George-Kult nach dem zweiten Weltkrieg. Interessiert das?  Künstler- und Menschsein, der englische Bloomsbury-Kult. Charleston House. Parallelen? Sicher! Auch in der Architektur der gepflegten ‚Dichterhäuser in Südengland‘ (davon mehr bei H.-G. Semsek, dem jüngst verstorbenen Freund, wovon der jetzt anwesende Freund überrascht war). Amalso verplauderte sich.
Bei solchen Abschweifungen machte er keinen Hehl aus seiner Freude an schlichten Verbindungen deutscher, englischer und sich entwickelnder amerikanischer Kultur. H.G. Wells‘ Anti-Kriegs-Roman von 1916, ,‚Britling‘, und seine Wiederentdeckung durch David Lodge. Von D.H. Lawrence, Amalso sprach von diesem Halbdeutschen, wie von einem Bruder, schließlich war er ebenfalls ein Gegner der britischen Kriegsfront, wollte der Gast nichts hören.  Gast stimmte aber zu: Was hätte Europa sein können, hätte das Zusammenspiel dieser metropolitanen Kräfte den geo-politischen Macht-Strategen Einhalt geboten und einen Krieg, den Ersten Weltkrieg,  verhindert.      
Wie kamen sie denn auf Syrien zu sprechen, war es der Amerikaner Henry James, der gelobte Mann der schönen Prosa, der von H.G. Wells‘ Prosa wenig hielt? Waren es die Bomben? Alles hier war einmal in Ruinen. Amalso musste daran erinnern, dass er als Sextaner noch auf dem Schulweg hier gespielt hatte, Kunstfiguren freigelegt! Waren es Fragen der inneren kulturellen und moralischen Allianzen zwischen Amerika und England? Aristokratischer Puritanismus?  Nein, es geht hier nicht um Examen über innerwestlichen Kulturaustausch und kaum sich noch lohnende Studien über die Schmieden von National-Charakteren und von ‚Zivilität‘. Amalso spürte den Graben zwischen scheinbar lässigem einerseits und andererseits angestrengtem, offensichtlich weniger lässigen Menschsein. Die Bomben und Ruinen seiner frühen Kindheit wiegen immer noch schwer, er merkte es. Der erinnerte Kampf gegen den Militärvater in seiner Nachkriegs-Jugend, Fragen der Sühne? Wie protestantisch zu glauben, Sühne sei Vorrausetzung für Abhilfe.
Politische Dauerlügen. Natürlich wollte der Gast, als die Sprache auf Krieg in Syrien zuging davon nichts wissen, er lese The Guardian, ist das genug? Tut er mehr, fragte sich Amalso. Was hilft das Dauerressentiment gegen die Dauerlügen? Der Gast blieb so höflich und so clever. Amalso bewunderte ihn, wie er das alles umschiffte und mit dem Freund nun langsam Darmstadt auf den Opernbesuch hin durchschritt.  Strauss, Salomé. Wie kann man so schöne Musik schreiben und doch ein Hofkomponist bis zum bitteren Ende geblieben sein? Wieder so ein dummer aber so einfach nicht wegzudrückender Gedanke. 


Amalso entdeckt
Dronero, Val Maira, Piemont im Nachträumen mit einem Buch*

I
In diesen Zeiten kommen die Träume  von ganz allein, auch wenn sie nicht gesucht sind. Fahr‘ einmal ins Val Maira hinein, da ziehen die Träume dich aus  tiefen Schluchten heraus und an abhängenden Tannen wieder hinunter,  führen den Blick, wie sich‘s ergibt, wieder nach oben ins Weite, oder in die Enge hinab.
Warum aber erscheint eine Villa in Dronero im Licht der hellen Öffnung zum Tal hin, nur eine  zierlich endende  Kleinstadt? Säulen ragen über die pompöse  Treppe, irgendwie Rom. Da kommt ein Gast, führst ihn herein, und bei einem Glas tiefschwarzen Dolcetto erzählt er Geschichten und will nicht mehr aufhören, als hätte er im Zerfall des  hochsteigenden Tals nur großartige Deutsche gesehen oder sei nur solchen begegnet, die aus dem Norden kommen und hier ihre wahren Blicke fürs Leben gefunden haben. Ihn ziert träumend die  große Gabe der schönen Sprache und meint damit ganze, ins Weite dringende, mit dem Punkt noch nicht endende Sätze, runde, schwingende Melodien, von wirren Geschichten getragene Stimmen, als wär‘ er Goethe beim Karneval in Rom, will er hinaus auf den Balkon in die Kühle der kaum wärmenden, fast noch winterlichen Sonne. Unten aber strömen die Menschen wie hin und zurück wogende Wellen, meint er. So kam er als Traum, wo doch in diesem ganzen Tal nur Wasser von den Felsen rinnen, und von Deutschen keine Spur ist, jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

II
Er spricht von den Frauen im Tal, von Berg- und Flussfrauen und den wenigen Wiesen. Die tanzenden Marmotten auf  heißem Pflaster, ist’s Paris, Marmor am Tour Eiffel? Wie kommt er zur schwer runden „Generalin“, die Frau, die ihn gestern doch nur auf etwas kantige, zum Ende hin gar noch liebliche Art bedient hatte  beim neun-gängigen Essen, wenn man die vielen Antipasti einzeln mitzählt. Wunderbar! Eine schöne Reise von Anfang an. Pein  nur, dass er das Bild der seltsamen Schönheit jetzt nur als „Generalin“ sieht, die ihn nicht mehr verlassen wollte.  Er trage sie  vor sich hin wie die weiße Maria von Valmala oder die schwarze beim Becetto im Val Varaita.  Und was machst Du jetzt damit? Nein, sagte er in schleierhaftem Tenor, es ist nicht nur die „Generalin“. Da ist auch das Bild von der Kindfrau, warum sah ich sie in Paris? Sie singt von der Marmotte, die  spitz dreinblickend  zwischen den Beinen  wedelnde Marmotte. Ich kann sie oft nur schwer auseinander halten, und immer bedrohen sie mich, bedrohen mein Lebenswerk des schönen Schreibens, wenn sie erscheinend sich miteinander vermischen.
Aber ist es  so, dass das wirklich alles nur Traumwelt sein kann? Nein, ich sage das, obwohl es dauernd in Bildern vor mir her schwimmt, das eine ist erlebt, das andere nur gesehen im Wanderbuch über das Valle Maira. Oh, die vielen Marmotten, die gar keine Angst haben, oben liegen sie auf der Straße, und ich nähere mich ihnen, als wäre es die Kirche von Elva mit der Kamera.  Ja, auseinanderhalten kann ich es aber gar nicht, alles schwimmt, vier Tage da unten im Piemont, das aufrührerische, Schweizer Europa und die Regionale Revolution im Wandern, verschiedene Male habe ich darin gelesen, immer wieder den Bericht über die Marmotte-Frau gesucht, gefangen blieb ich vom Bild der Kinder und der Marmotte nebst dem der Emigrantinnen am Badestrand von Grasse, lebendige und altertümliche Traumfrauen, schwarz nicht nur die Haare, sondern das ganze Badekleid voller Trauer.
Und was für ein Zufall, Mittag, fast schon zu spät, Lòttulo, die Osteria gleich neben der Kirche, so viele Autos, nichts wie hinein. (Später zeige ich es ihr im Buch, wo das steht, um genau zu sein: „hier kann man essen“, völlig unterbewertet, sie verdreht die dicken Lippen; noch später, wie ein zweites Schicksal finde ich das Bild mit Briga, Wandermusikant, oder Brigant? Mit der Glöckchenmütze, Fußpauke und Ghironda kaum! Neben ihm wie ein Heiliger aus der Kirche sein eingeschulter Sohn. Brigant? Was hat das mit der „Generalin“ zu tun? Nichts! Doch alles spielt Musik und tönende Wasser). Hier dann doch ereignete sich dieses zweistündige Mittagsmahl,  das sie,  „die Generalin“, herbeitrug, auf dem Tisch platzierte, spätere Gänge gar servierte sie. Wir sind zwei, a due, sagte ich stolz, als wir in ihre Osteria eintraten. Sopra, antwortete sie apodiktisch. Sopra siamo da sola, rief ich fragend, dann sitzen wir da allein, sagte ich zu dir, bekam aber nur knapp und klar die sonore Generalsstimme zu hören: Sopra! Als wollte sie sagen, husch, husch, Beeilung bitte, und zeigte ihre Hakennase über die eine modisch spitze Haarsträhne vom halbrasierten Kopf fiel und verschwand um die Ecke in der Küche.  Nur Männer, alles voll von Männern auch oben, so langweilig dann doch nicht mit dieser einen, alles orchestrierenden Frau. Zwei kleine Tische, einer für uns, erinnerst du dich? Nein! Doch, alles ist so wirklich, und dann doch auch wieder nicht, die schwarze volle runde Generalin mit den ausholenden Hüften und dem sanften Busen, Kleidung so schwarz und so eng anliegend, wie bei ägyptischen Polizeigeneralen. Ägyptisch? Ja, alles hatte - vergessen wir das einzigartig voluptuöse Essen - so einen ägyptischen Anstrich, die bleich gläserne Lampe, unter Blumengeringel an der Decke, Stofftiere auf Regalen, nicht nur Marmotten, sondern auch Katzen und Schlangen. Aber ich hatte dann doch nur Marmotten in den Augen.
Sie? Ist das nicht zu irreal, als flöge sie durch dieses, dein weißes Haus? Sie kam und stellte sanften weichen Käse in ein wenig grüngoldenes Öl getunkt und Brot auf den Tisch. Trinken? Wasser, sagtest du, ich rief nach Dolcetto, was kam, war eine offene Karaffe sprudelnden Wassers für dich, und eine wunderbare Flasche mit dem dick violettem Etikett, Dolcetto, Langhe, der der Korken abgenommen war, oh, wie ich diesen Wein liebe, kalt wie Limonade, schwarz wie Kirschsaft, leicht im Geschmack wie ein Riesling. Lieg ich da falsch? Nein. Der Wein gehört nicht zum Traum, er ist Ereignis wie diese, deine offene kleine Villa hier, und doch vielleicht ist er ursächlich immer mit dabei. Es war sie, sie stellte mir die ganze Flasche kräftig vor die Nase.  
Dann ja, überall diese Gesichter der Männer, nie gab sie die Kontrolle aus der Hand, immer befahl sie, und sie gehorchten, manche, wie der mit dem langen Bart und sich auf der hohen Stirn kräuselnden Locken, stillschweigend vor Muskeln strotzend, stur und starr die Augen, manche trotz sanftem Lächeln hoffnungslos und auf verlorenem Posten kommentierend. So auch nahm sie ungnädig - immer warst du still - meine ungelenken Belobigungen des Essens entgegen, den Kopf mit der langen gebrochenen Nase schon seitlich zum Nebentisch gewendet.
Dolce? Sie zählte in zu großer Geschwindigkeit sechs verschiedene Optionen auf, nichts verstand ich vollständig. Ich sagte, wie du schon davor, nein! Da schwoll schon ihre Stimme an, warum wohl habe ich diese ganze Aufzählung von Dolce vollziehen müssen, wenn du doch nichts nimmst? Schnell fiel mir noch etwas ein, etwas was sich so anhörte, als würde ich es kennen, wenn auch nicht in dieser ominösen Kombination. Mutig, sagte ich, wie war das, Crème Karamell? Mit Amaretto! O.K., dann habe ich dich doch nicht umsonst alles aufzählen lassen! Da strahlte sie lächelnd. Meine vorlauten Einsprüche, feindlichen Gegenreden, viel weniger als meine Komplizen-haften Belobigungen stimmten sie freundlich! Was für eine Frau? Schon blickte ich ihr gerne in den geschorenen stark breiten Nacken und fing an nicht zu wissen, wo mir der Kopf stand zwischen General und Frau. Beschämend der Preis, aufleuchtend mein Blick, ja ich komme wieder, wenn’s friedlich wird, oder doch vielleicht auch dann, wenn drohendes Ungemach uns alle zerrüttet, wenn die Welt noch kriegerischer wird.  War das ein Versprechen?

III
Es blieb jetzt noch ein Blick hoch zu den Marmotten auf dem Wandbrett, das Bild im Buch mit der preziösen Kindfrau, die jetzt als 85jährige von ihren Wanderungen nach Nizza und Paris, vielleicht, zurück ins Tal, erzählt, von fünf Halbwaisen, der sie aufziehende Vater, der im Frühjahr die jungen Marmotten aus dem Bau fing, die achtjährige, die mit Stöckchen im Takt den Sommer über den Tieren das Tanzen beibrachte, das Wandern von Dorf zu Dorf, Tanz auf Tanz mit dem dressierten Murmeltier die Gefälligkeit der Menschen erbitten,  „chiedere la carità“, das teure Almosen. Immer diese Marmotten, denen die Füße schon weh tun vom vielen Tanzen auf brennendem Stein, ein Pfennig muss her, um sie zu retten; die Generalin (mit dieser unsagbaren Energie, als wäre sie schon im syrischen Einsatz), die verwaiste Kindfrau und die vielen Männergesichter der lokalen Befreiung, so kommen sie zurück von oben im Maria-Tal herunter, wandernde Gruppen,  zu dir in deine römische Villa mit den weißen Säulen in Dronero;  verwischt, alles verunsichert in angstvollem Traum von dem, was werden wird.
Und was machst du jetzt? fragtest du mich. Jetzt steig ich hinunter und verschwimme im Wasser der Maira, der Varaita, des Po, der Adria, den Wassern des Mittelmeers entgegen, verschwendete Schönheit, sagte der Gast.

*Dank an Ursula Bauer/Jürg Frischknecht, Antipasti und alte Wege. Valle Maira – Wandern im andern Piemont, und dem stillen Helden, der mich damit beschenkt und jetzt begleitet hat.


 
Amalso empört sich über eine kurze Italienreise. 

Amalso fühlte sich in seinem angestammten Land wieder einmal nicht mehr ganz wohl. Er entschloss sich zu einer kleinen Reise; und von einer sehnsuchtsvollen Einfalt geplagt, eine ihm auch sonst durchaus eingegebene Form der sentimentalen Schwäche, entschied er sich für ein kleines Landhaus in Italien, dessen runde Lebendigkeit in den hohen Zeiten seines Lebens immer gelobt wurde. Das Haus war wegen seines authentisch bäuerlichen Charakters jetzt aber weniger en vogue. Er fragte sich, ob der Abgang des Silvio Berlusconi etwas damit zu tun hatte, dass es mit den ‚plebejischen‘ Repräsentationen so schlecht stand. Der „Cavaliere“ genannte Berlusconi musste weg, klar! Was aber war es jetzt mit diesen Vorlieben für das ländliche Proletariat und seine kleinen schmucken Häuser? Sie zogen nicht mehr, weil sie des fürsorgenden Schutzes nicht mehr bedurften. Aber das war doch wirklich nicht erst jetzt so? Das hatte sich schon lange hingezogen. War nicht der große Kommunist d’Alema schon längst Besitzer einer übergroßen Yacht? Amalso war der festen Überzeugung, diesmal war alles anders. Jetzt mit Berlusconis Abgang wurde der große Punkt gesetzt. Etwas politisch Grundsätzliches hatte sich ereignet. Denn diesem Wandel der politischen Macht fielen die gewohnten leichten Formen der Verantwortung zum Opfer. Es änderte sich der praktische Umgang mit Geld, und in der Wirtschaft wurde man ernster, im Leben wurde weniger geredet, und überhaupt änderten sich die kulturellen Vorstellungen fundamental. Soviel hatte Amalso aus der Presse erfahren.  Als er jetzt das kleine Bauernhaus bezog, war ihm das schlagartig klar. Wenn hier auch dem eindringlichen Rebellieren seiner italienischen Freunde zu widerstehen war, das hatte er vermerkt: Ohne Berlusconi ist ein karges Bauernhaus in Italien nichts. Es hätte ihm eigentlich schon früher auffallen können, ein solches Haus musste man entweder in ein korrekt stilisiertes, repräsentatives Haus mit Swimmingpool und Wellness-Flair umbauen oder es in eine Hausfabrik für chinesische Immigranten verwandeln.
Aber es ging ihm jetzt mit dieser Reise nicht um Häuser, obwohl diese immer ein beliebter Gegenstand seiner Fantasie blieben. Er hatte vielmehr Sehnsucht nach Leuten, nach einem konventionellen italienischen Politpalaver mit geschwungenen Armen, mit gehobener Stimme unter Nachbarn und Freunden oder mit dem Chef einer Bar. Er schmachtete geradezu nach der einfachen marchecianischen Hausküche. Es gab sie noch, diese sensationelle Küche in ein paar wenigen, von langsamem Kochen des sugo al castrato, von grünen Kräutern im halbbitteren, gelbgrünen Öl und von dunklem, erdigen Picener Rotwein oder goldgelbem Falerio geprägten Restaurants, und wirklich, es gab den Fisch.
Und dann, es fiel ihm ein, war da zu dieser Zeit auch der spektakuläre Auftritt der Sonne über den Colli Piceni zwischen Ascoli Piceno und San Bendetto del Tronto, zwischen Grottamare und Offida, über all den quadratisch geschnittenen Wein- und Öl-Hügeln zwischen Meer und Gebirge. Es gab sie, die Erinnerungen an wie Blitze durchschlagende Sonneneinfälle, an das Aufsplittern dickbäuchiger, schwarzer Wolkenbänke, an das scharfe Glitzern des noch schneebedeckten Gransasso und auffrischende Gichten am Ufer der noch winterlichen Adria. Auch das waren gute Sichten, gute Gründe zu reisen.
Amalso buchte einen Flug, der sich als abenteuerlich erwies. Die überlaute Turboprop-Maschine der Dolomiti Air von München nach Ancona konnte erst einmal nicht abheben: Warum Dolomiti Airlines, wenn man doch mit Lufthansa flog? In Ancona - neuer Flughafen aus Stahl, Glas und Beton, man kennt diesen Fortschritt - brauchte das handverladene Gepäck für ca. fünfzig Passagiere fast eine Stunde bis es auf dem Band erschien. Amalso mietete ein Auto, auch das war keine einfache Sache mehr, wenn auch leichter von Deutschland aus zu arrangieren gewesen. Und doch, es ist der Preis, der das Mieten so attraktiv machte und zum Verzicht auf die immer so geliebte Autoreise über die Alpen zwang. Alle diese Dinge, die von ihm zu tiefst traurig und bis ins Detail hinein registriert wurden, fielen mit den desaströsen Stimmungen in der Politik zusammen. Die großen von den Zeitungen aufgeputschten politischen Themen waren: ein neuer, Armut predigender Papst, das sich schier endlos verschleppende Ende der Ära Berlusconi, die im In- und Ausland immer hervorgehobene Dauer der Regierungskrise, unmöglich ohne eine fest bestellte Regierung die Banken zu beschwichtigen. Kurz, der schnelle Wechsel der äußeren Macht war nicht möglich, weil doch die alten, die wirklichen Mächte Bestand hatten, wenn sie auch weniger sichtbar waren. Und gewiss, man durfte doch sicher sein, dass sie handelten. Wie aber würde ein wirklicher Wechsel aussehen?
Konkret, hierfür ist auf den Flug zurückzukommen: diese Art ‚Fokker‘-Maschine in München, sie fuhr mit ungewohntem Getöse zum Start, blieb dann liegen und musste zurück. Alle mussten jetzt weiter in der Maschine sitzen bleiben und einem plötzlich von unten hochdringenden Hämmern der Mechaniker zuhören. Zynisch! Der Gedanken über das Einschlagen von Sargnägeln war nicht zu unterdrücken. Nach einer Stunde war auch das überstanden, und es ging wieder los, die Maschine hob vom Boden ab und zog laut über die nahen Schnee-Alpen. Wie gesagt, das in Ancona von Hand ausgeladene Gepäck brauchte seine Zeit bis es auf dem Band erschien.
Trotz allem, Amalso schaffte es noch rechtzeitig zum Abendessen ins Dorf in sein gelobtes Restaurant. Er begrüßte den Chef von weit, erhielt ein Kopfnicken von vorm Fernseher her (ein heiliges „Inter“-Spiel, wenn Sie wissen…und sicherlich besser als alles andere), und ging in den Speisesaal des kleinen Hotels. Glück, es waren etwa 30 Männer schon beim fortgeschrittenen Speisen, gute Aussicht jedenfalls schnell bedient zu werden. Amalso hatte Hunger, nahm unverhohlen an einem Einzeltisch Platz und wollte bestellen. Die 30 Leute kamen schnell zu Ende und verließen grade den Raum. Als es etwa viertel vor Acht war, hielt eine fremde, schlanke große, blonde Bedienung, neu war sie, vor seinem Tisch an, sie sagte ihm in hartem sauberen Italienisch, er könne jetzt noch nicht Essen, man nehme Bestellungen erst nach Acht entgegen, in fünf Minuten ca. Wie, sagte er und protestierte in Form des unmöglichsten der Beschwerden-Schemata: Warum die, warum nicht ich? Sie musste es doch einsehen, er hatte Hunger nach einer so langen verzögerten Reise aus Deutschland, hier jetzt, von so weit hierher. Er lies sie es wissen. Sie blieb aber ungerührt cool und begrenzt freundlich. Nach einer übersichtlichen Weile kam sie zum Aufschreiben der Bestellung. Das Essen folgte immerhin schnell. Amalso stellte schließlich sich selbst vor und fragte gleich danach, wer sie sei. Es war eine Russin, seit fünf Jahren in Italien, seit zwei Jahren wegen einer Liebe im Dorf. Sie sagte das bestimmt, aber offen und freundlich, und für Amalso war damit ein Funken der alten Ordnung zurückgekehrt. Sie erklärte es nämlich, das mit den 30 Männern, sie waren so früh zu bedienen, weil sie ‚extra‘ waren, eine vorbestellte Gruppenpartie von Straßenarbeitern.
Amalso erinnerte sich, die Signora, Arbeiter hin, Arbeiter her, die Frau des Hauses, die auch die Köchin war, die regelte das schon immer so: Sie musste in der Regel erst ihr Gemeinschaftsabendessen mit Familie und Personal beenden, bevor sie Bestellungen entgegennahm. Daran hatte sich also nichts geändert, er hatte es nur nicht bedacht.
Die schöne blonde Russin? Nein! Sie sprach nur anders, in der für die neue Ära spürbaren Form der coolen Reglungsmacht. Keine Ausnahmen! Klar und deutlich, ohne ‚falsche‘ Freundlichkeit, ohne Aufregung, ohne Zurechtweisung. Kein Dorf, keine Signora. Die alte Regel erst nach Acht zu bedienen, war wie der Balsam einer neuen Gleichheit. Ihre Art zu arbeiten Stand für sich, war die Ordnung der neuen Freiheit.
Die Dorf-Regel der Signora,  man hatte sie immer zu akzeptieren, mit oder ohne Erläuterung. Acht ist Acht. Wenn das auch jetzt so distanziert und kalt daherkam. Einen Zweifel an der fortdauernden Macht der Signora in ihrer Küche hat es nie gegeben. Nur, erinnerte sich Amalso, früher verstand man, dass auch er eine Ausnahme war, der Deutsche, von weit her gereiste. Auch wenn die Signora in ihrer wortkargen Freundlichkeit allen bekannt war, früher konnte man irgendwie noch sagen, dass man selbst Hunger hatte, schnelle Abhilfe wurde geleistet, wenn auch erst einmal nur mit Brot und Wein, gutem Wein!
Jetzt half dem hungernden Gast nichts! Was bildete der sich eigentlich ein. Die Ausnahme für den Italienspießer aus dem Norden war abgeschafft. Und jetzt fragte sich Amalso gerade selbst noch: Das muss doch etwas mit dem Fall der Regierung Berlusconi zu tun haben, wenn auch gerade der Verein „Inter“, dessen Besitzer der noch immer war, heute in Milano ein Spiel gewonnen hatte.
Aber auch davon wurde nicht viel Aufhebens gemacht. Als Amalso sich später draußen an der Bar-Theke vom ‚Chef‘ verabschiedete, war alles entsprechend kurz. Da kam ihm die flinke Russin mit ihrer funktionalen Bedienung jetzt plötzlich recht freundlich vor. Quo Vatis, Italien?
Und wovor hatte er eigentlich mal eben kurz nach Italien fliehen wollen? Hatte er nicht immer schon sich in Italien vor der eisernen deutschen Reglungskultur retten wollen? Und jetzt, gerade jetzt, meinte er, sei sie mit dieser großen schönen blonden Russin und dem Abgang Berlusconis auch in Italien angekommen? Meinte er! Doch plötzlich fiel im ein, man konnte es vielleicht nur in „seinem Italien“, in den Marken, übersehen haben. Es gab auch hier schon die viel älteren Traditionen der „eisernen“ Regelung, aber man begegnete hier selten den Figuren, die sie repräsentieren. Man sieht einfach die großen Akteure, die deutschen und die italienischen, in den Marken nicht, die d’Alemas & Co.,  die uns den Wandel als Besinnung auf die Tradition verkaufen: Post-Stalinismus, Proto-Kommunismus, Neoliberalismus. Diese Symbiosen werden nun auch in der ‚praktischen Kultur‘ deutlich, in Rom, in der Toskana noch mehr vielleicht als in den Marken?
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Amalso führt ein Gespräch mit M.E. Stroughton über „Alexandria“,  sein  kleines, demnächst erscheinendes Buch

Amalso:
Sie haben bisher zwei Erzählungen vorgelegt, zwei kleine Romane über Reisen und Paare im Mittelmeer. Was wollen sie damit bewirken?
Stroughton: Nichts. Ich schreibe aus meinem Leben und fantasiere weiter, Eindrücke, Visionen, Stationen der Reise und der Begegnung, Momente, in denen sich das Leben als das wirklich lebenswerte erweist. Natürlich drehen sich die Erinnerungen und Gedanken auch die imaginierten Momente in Eignes um, und dann geht das Spiel weiter,  auch das Vorgestellte gibt als Fakt eben zu neuen Visionen Anlass. Mir fällt zum Beispiel aus „Beirut“ ein, Anacapri ist ein Minenfeld von erinnertem Altertum, aber es ist nicht Jerusalem. Ich entdecke darin, wie sehr das Wiedererleben von Altertum und Geschichte am Ort unsere gegenwärtigen Vorstellungen vom Leben beeinflussen. Man muss dabei aufpassen, die Politik geht mit solchen Vorstellungen, sind sie einmal in den Code eingegangen, viel gezielter um.
A.: Wäre es nicht wichtig für die Jugend zu zeigen, was für eine zynische und moralisch verrotte Generation diese Nachkriegsjugend der 1968er war? Liebe löst das Kriegsproblem nicht, der Krieg war doch immer da, in Vietnam, in Indonesien, Malaysia, Chile usw. , und Sie postulierten doch nur unschuldig befreiende Liebe, so etwas wie straffreien Sex? Es war ihre Generation, die das Problem des permissiven Laissez-faire und das souveräne Ich in die Moral eingeführt hat.
Str.:  Allgemeine Appelle helfen nicht, konkrete Aktionen gab es viele, aber sie halfen auch nicht gegen den Krieg. Und heute? Nichts lässt sich mehr fassen, als nur denen ins Angesicht zu sehen, die gewinnen. Ist das das souveräne Ich? Wir hatten uns das anders vorgestellt, dumm diese Vorstellungen vom solidarischen Miteinander, das schrumpft heute alles auf gemütliches sich Ansehen oder auch Anfassen zurück. Heute weiß man nicht, wie viele zum Terror bereite Staaten es gibt, wie viele terroristische Organisationen am Werk sind, und in wie weit ehrwürdige internationale Organisationen mit ihnen auf smarte und softe Art vernetzt sind. Auch ist die Allianz zwischen Konsumismus, Medien und Krieg eher aggressiver geworden als still. Das Alles hat irgendwie mit Öl, Gas, Land und Besitz zu tun, wir kommen davon nicht runter. Auch mit stärkerer, innerer Kontrolle nicht. Auf den Vandalismus des Konsumismus wird nur eine neue Reflexionsebene gesetzt, die erfordert noch mehr Gesichtsstarre und Fußabdrücke der Selbstzensur. Ist es nicht langweilig? Es bleibt die ganz kleine Welt, Vorstellung als Gelebtes. Ist es nicht so, dass Liebe trotz allem möglich ist, und das Interesse an gelben Blumen beständig?
A.:  Ihr Held Buchenegger in „Beirut“ und Thomas Rossmeier in „Cori“ beide sind Wissenschaftler, beide stehen offenbar - es wird nie direkt gesagt, aber ihre Sprache der Traurigkeit  ist deutlich genug - in einem sehr angespannten Verhältnis zum Amt. Ist das ihre spezifische Auslegung von „Wissenschaft als Beruf“? Hat das was mit Ihnen zu tun?
Str.: Nein, das sind erfundene Charaktere, die mir manchmal vielleicht nahe kommen, meistens versuche ich aber sie mir vom Hals zu halten. Nun ja, Sie haben vielleicht Recht, in meiner Generation stand man mit Skepsis dem in den Ländern, die uns vom Faschismus erlöst haben, ungebrochen und natürlichen Verhältnis von Amt und Wissen gegenüber. Denken Sie an Oxbridge und die Royals, die hatten kein Problem mit dem Militär, so wenig, dass Churchill noch 1938 Hitler und Trotzki als „Große Zeitgenossen“ betrachtete, Militär, Krieg und „Terrorismus“ war da nie ein Problem der Moral!  Heute wird uns gesagt, wir müssen das so machen wie Monsieur Hollande in Mali – Sollte es da nicht eine andere Alternative gegeben haben? Uns wurde allein vom alltäglichen Anblick der Ruinen „Friede“ als einzig zulässige Waffe geschmiedet. Das galt in den Siegerländern dann aber auch als unheilig. Nachdem was uns an Unglück in dieser nationalistischen Machtballung geschah, war es uns aber unschick in offener Amtsmacht aufzutreten. Unsere Väter waren Offiziere, Richter usw.  und haben den Glanz ihrer Uniformen und Talare mit Stolz getragen. Uns war das lockere Auftreten, auch das des scheinbar ranglosen amerikanischen Militärs, Vorbild. Während viele „Alten“ sich damals mit Nicht-„Wissen“ und Nicht-„Verantwortung“ gegenüber dem Führer herausgeredet haben,  und von Pflicht, Regeln und Vorschrift sprachen, war „Widerspruch“ uns schon in der Kinderwiege angedient; da entwickelte sich mit der Kritik am Vater, dem wider alle Erfahrung ungebrochenen Offizier,  ein sehr gereiztes Verhältnis zum „Amt“. Ich bedauere, dass das heute so leicht wieder vergessen wird.
A.: Aber sie fliehen doch mit ihren Erzählungen vor diesen Fragen!
Str.: Das meinen Sie! Ich behaupte, dass  meine Charaktere in ihrer heiligen Art der Unentschlossenheit einerseits und in ihrer melancholischen Lebensbejahung andererseits, nicht einfach nur „Flucht“ signalisieren; Sehen und dichtes Erleben sind auch Momente des Widerstands, zumindest eine Voraussetzung für Verstehen, auch wenn es, wie in „Alexandria“ schief geht. 
A.: Ist es da, wo ihre Sozialkritik ansetzt?
Str.: Ja, der ureigenste persönliche Kampf darin, dass man sich das nicht mit Schwarmtheorien und Ähnlichem aus der Hand nehmen lässt.
Liebe und das unentschlossene Staunen vor der Welt schützen vielleicht doch vor dem dauernden Allgemeindenken in der und für die Herde. Demut vor dem Anderen der Körper und der Dinge, das öffnet den Blick, das alles, glaube ich schon, ist kritischer als vieles Herum-Näseln an den gesetzten strukturellen, Misch- und Fusions-Konstellationen.
A.: Das wird aber in Ihren Texten nicht deutlich! Wo bleibt die klare Ansage?
Str.: Nun vielleicht gelingt es mir mit „Alexandria“ besser! Santwaller, der Held dieser Erzählung will z. B. etwas Neues, Kritisches, politische Bescheidenheit, aber auch er scheitert. Und doch, auch auf die Gefahr hin, dass das heute niemand mehr verstehen will: Es wird immer ein Stück Unklarheit bleiben, ein Stück Hin- und Hergerissen-sein. Das braucht das Spiel mit der Liebe ebenso sehr wie das mit der Wahrheit: Zwischen den Ufern!
   

 

Amalso  - 06. 10. 2012 


Hier meldet sich Amalso nach einer kleinen Pause wieder. Diesmal geht es um die Schweiz:
Über die Schweiz lässt sich wegen der allseits bekannten, engen kulturellen und historischen Bande aus deutscher Sicht nur noch wenig sagen. Letztens intensivierte sich dieses Verhältnis so sehr, dass nun fast täglich über die Schweiz berichtet wurde. Es gibt also eigentlich nichts mehr Neues über die Schweiz zu sagen. Nur irgendetwas nagte in meinem Gedächtnis, hatte sich eingeritzt und kam bei all diesen Deutsch-Schweizer Debatten wieder zum Vorschein: Amalso ist nämlich einer jener Deutschen, die aus welcher Überlegung auch immer zum Auto greifen, wenn sie ans Mittelmeer fahren wollen. Sicher geht es dabei nicht um Umweltfragen wie Fluglärm und Luftverschmutzung, sondern um ein gepfeffert Maß an gewohnter Bequemlichkeit.

Schweres Verstehen
Xaver-Olivier, der Student der Ethnologie der Universität im schweizerischen Fribourg, hatte sich gleich nach der Sitzung des Umweltausschusses der allgemeinen Studentenvertretung von seinen Freunden verabschiedet. Er fühlte sich zu ermüdet auf einen Schoppen mitzugehen. Sie hatten fast drei Stunden darüber debattiert, wie man den Durchgangsverkehr durch die Schweizer Alpen reduzieren könnte. Er trug zum ersten Mal den in sattem Hellgrün gestrickten Pullover, den ihm seine Mutter zum Semesteranfang geschenkt hatte. War es das, was ihn ermunterte heute mehr zu reden? Normalerweise war er still, nun ja, jetzt war er eben im zweiten Semester und wagte es direkt Deutsch zu sprechen, wagte es, sich nicht auf das Französische einiger Kommilitonen einzulassen. Es war das politische Palaver doch etwas anderes als Seminararbeit. Wie immer im Grundstudium der Ethnologie, waren die Texte hier auf Französisch, alleine schon wegen der wichtigen Werke der Durkheim-Schule. Und da hatte er eben meist einen französischen Text vor sich. Letzens übrigens einen Text über die 20. Römische Legion, die aus Theben herangeholt wurde, um am Ende des 3. Jahrhunderts im benachbarten Wallis einen christlichen Aufstand niederzuschlagen. Sie sollte sich aber zum Teil auf die Seite ihrer Glaubensbrüder stellen, und so wurden sie selbst zu Märtyrern, darunter der Alpenheilige St. Besse und der überall verehrte Heilige St. Moritz. Dass heute noch nach fast zwei tausend Jahren die Menschen, die sonst einer allgemeinen Prinzipienlosigkeit frönen, zu den Stätten dieser Heiligen pilgern, es wollte ihn, den protestantischen Züricher Ethnologie-Studenten, nicht loslassen.
Er hatte sich aus purem Interesse und wegen seiner ‚grünen‘ Überzeugung schon im ersten Semester der Umweltgruppe angeschlossen. Zuletzt ging es ihm da nicht so gut. Wenn er zu reden versuchte, hatte er sich manchmal so recht verheddert, rein sprachlich. Jetzt wusste er, der von Geburt her aus dem Züricher Hinterland war, dass es darauf ankam gut zuzuhören, dann konnte man leichter umschalten und in sauberem, stechendem Deutsch antworten. Das konnte er, besonders, wenn er genau wusste, was er wollte. Auf keinen Fall wollte er den Friedensengel spielen, auch nicht, wenn es um die Autobahnen und die einfallenden Touristen ging. Das schien ihm jetzt gerade, als ihm die Sache von den Alpenheiligen wieder in den Sinn kam, wirklich prinzipienlos. Seine Position war unverblümt, man musste das regeln, Tourismus und vor allem die Deutschen, das kann man nicht als eine höhere Kategorie hinnehmen. Man muss das reduzieren. Nicht einfach immer neue Tunnels in die Berge bohren und diese riesigen Betonstränge der Autobahnen über das Land legen. Wie soll es denn da Kompromisse geben können, hatte er gesagt, jedes zweite Ausländerauto an der Grenze ist zurückweisen! Die einzig mögliche Lösung! Aber da waren nicht alle seiner Meinung, und er konnte das bei soviel einfacher Bestimmtheit nicht versöhnlich hinnehmen. Sie stritten lange und Frieden wurde trotz vieler lustiger Einlagen nicht gestiftet. So zog es ihn einfach allein davon, und er fuhr - wie bequem die asphaltierten Feldwege doch sind, fiel es ihm ein - mit seinem Fahrrad weiter hinaus ins Berner Oberland und schlug die Richtung nach Murten ein. Nach dreißig Minuten traf er auf die Autobahn, der er nun nach Vevey und Lausanne hin auf Seitenwegen durch die Hügelwiesen folgte. Da fühlte er sich wohl, ein lichter Tag, und der gewohnte Anblick der sauberen Kuhweiden über die Hügel war schön. Weiter hinten aus Wolkenschluchten zeigten sich die weißen Zacken der Walliser Alpen. Schon glaubte er eine Brise Seeluft im Gesicht zu spüren, zumindest war er sich sicher, den Genfer See, wenn der auch noch weiter weg war, in seiner Nähe zu haben. Er trieb sich jetzt an dieser Autobahn herum und von einer Brücke vor Murten starrte er einige Zeit hinunter auf den Beton und auf den darüber fließenden Verkehr. Er wusste, dass es sich jetzt Mitte Oktober nicht um Touristenmassen handeln konnte, zählte aber die Autos mit deutschen Nummern. Es waren gar nicht viele. Diese Einsicht hätte ihm wirklich Frieden bringen müssen. Das Gegenteil war aber der Fall. Am liebsten hätte er Steine hinuntergeworfen. Zum Glück gab es nirgendwo Steine in der Nähe, und na ja, weiteres Aufsehen wollte er nun doch nicht erregen. Je länger er so dastand am Geländer dieser Autobahnbrücke, überkam ihn das Gefühl, wie schön es jetzt wäre, da unten auf der fast leeren Betonbahn mit seinem Fahrrad zu sausen. Aber er wusste, dass er nicht so leicht von außen auf die Autobahn kam, sie war überall in der Schweiz schon der Vorsicht halber eingezäunt. Auch der von der Beschilderung her in Sichtnähe erreichbare Rastplatz war ihm versperrt. Aber er wollte es wagen und fuhr hin. Er erkundete das Gelände, fand in den Büschen einen Platz für sein Fahrrad, kletterte über den Zaun und ging zu Fuß weiter zum Platz mit Telefon, Toilette und Wasserstelle: eine mächtige Anlage aus Beton und Edelstahl. Alles war sauber und leer, nur oben am anderen Ende der Parkanlage saß ein älteres Paar am Picknicktisch. Beim Wasserlassen in die große Edelstahlschüssel hörte er dem prickelnden Geräusch zu und las die auf Augenhöhe eingetragenen säuischen und weniger säuischen Graffiti-Sprüche. Er verlies das Pissoir, auch die große Betonwand draußen, in die die Telefonzelle eingelassen war, wies Sprüche auf, hier ging es um Liebe, richtige Liebe, weniger um Fäkalien. Plötzlich hatte Xaver-Olivier eine Idee für einen Spruch, er wollte es den Deutschen zeigen, wenn sie hier vorbeikämen. Er holte sein Taschenmesser heraus und ritzte in die Betonwand: „Reißt die Alpen nieder! Flutet Deutschland!“ Das war es, er hatte es geschafft, er war seine Wut losgeworden. Keine neuen Autos weit und breit, keine Polizei. Er ging hinüber über den großzügig angelegten Platz, wie gut hier Beton und Natur doch zusammengeführt waren, hatte er noch für sich bemerkt. Sogar Purpurwicken gab es und hochwachsende Rosenbüsche. Die Alten schienen sich wohl zu fühlen, eine Herde Spatzen im Gras auch. Er verschwand in den Büschen und kletterte über den Zaun zurück zu seinem Fahrrad. Als er in Richtung Fribourg davonfuhr, war er wirklich glücklich. Eigentlich hatte er gar nichts gegen die Deutschen, und ehrlich, es gab mehr Autos mit holländischen und französischen Nummern auf dieser Strecke. Aber er musste es ihnen zeigen, schließlich ist es ein Gesetz der Natur: Das Beschädigte erstarkt und rächt sich.
Dieter und Sonja hatten sich jetzt, als Dieter verrentet wurde, ein Wohnmobil gekauft, einen Fiat Ducato, den ein Hersteller in der Gegend zu ihrer vollen Zufriedenheit ausgerüstet hatte. Dieter hatte schon am Vortag die Räder auf das anmontierte Gestell vertäut, während Sonja sich um die Dinge der weiteren Innenausstattung kümmerte, Kühlschrank füllen, Bettwäsche und vieles Kleines wie Servietten und Tischdecken. Vorsorge in allem, vom Luftdruck bis zum Bordcomputer mit Internetzugang. Zum ersten Mal wollten sie - Camper waren sie schon immer - als Endziel auf einen Campingplatz in Cinqueterre. Sie hofften auf ein ganz ruhiges Lagern am Meer. Sie hatten von Freunden, die das ausprobiert hatten, gehört, dass die Strecke über den Großen St. Bernhard, wenn auch etwas länger, dafür aber schöner und ruhiger zu fahren sei. Man könne von Bielefeld aus in neun Stunden am Tunnel sein, von Aosta nach Cinqueterre müsse man mindestens nochmals sechs Stunden veranschlagen. Dieter wollte das langsamer angehen und nicht mehr als 8 Stunden am Tag fahren, also suchte er und fand einen Platz kurz vor der Schweizer Grenze, dann einen auf der italienischen Seite am Abgang vom Großen St. Bernhard, dann einen in Noli bei Savona, von da musste dann der ganze Rest noch gemütlich bei Tageslicht zu schaffen sein. So, oder so ähnlich verlief die ganze Reise in Ruhe, mit kleinen Besichtigungen seitwärts und insgesamt in guter Stimmung. Cinqueterre, da muss man nochmal hin, phantastische Ruhe des Meeres um diese Jahreszeit, guten Wein, viel Fisch vom Markt. Aber auch die Gegend um Noli wunderbar, man stelle sich vor, da gibt es doch einen Borgo dei Saraceni gerade nebenan, eine Luxusstimmung war das. Von einem kleinen Ereignis, einer kleinen Irritation, erzählten sie niemanden etwas, und eigentlich hatten sie es ja auch schon vergessen, als sie zurück waren. Als sie auf dem Hinweg morgens früh an der Passkontrolle in Basel angehalten hatten, fragte der Passbeamte mit einem einzigen Wort nach irgendetwas, was Dieter nicht so recht verstand, denn die Vigniette hatten sie ja schon. Auch beim Nachfragen hörte er nur - als wäre es English - Tschec? Das konnte ja nicht sein, aber er sagte, „nein, wir sind Deutsche“, und zeigte die Pässe.“Nein“, sagte der Beamte, „Zweck der Reise, da wo sie hin wollen?“ Es kam ganz spontan und ohne weitere Überlegung, als Dieter bestimmt antwortete, „das muss sie doch aber gar nicht interessieren! Sie sehen‘s doch. Urlaub!“ „Und ob!“ sagte der Schweizer Kontrolleur und winkte sie zur näheren Kontrolle ein. Nach einer halben Stunde waren sie wieder soweit, dass es ohne Probleme weiter gehen konnte. Als der Beamte die Pässe zurückgab, sagte er fesch, „wenn Ihnen die Schweiz nicht lieb ist, dann können sie ja im Bogen darum herum fahren“, und Dieter murmelte so etwas wie „Danke für diesen Rat, werd’s mir überlegen“. Aber dann fuhren sie doch dieselbe Strecke wieder zurück, die sie gekommen waren. Es passierte aber noch etwas, etwas an sich Unscheinbares, zwei kurze Sätze, die Sonja auffielen, als sie auf einem Rastplatz hinter Bern pausierten. „Nein, es war schon hinter Freiburg, kurz vor Murten“, berichtigte Dieter, als Sonja einmal später, nach langer Zeit, bei einer Einladung darauf zu sprechen kam. Das Thema Schweiz war gerade angesprochen, als ihr die Geschichte wieder einfiel. Da wollte sie mitsprechen, ganz spontan zum Thema beitragen. „Jedenfalls war da auf einer Wand neben der Telefonzelle ein Graffiti-Spruch eingeritzt, der den ganzen Hass dieser Schweizer auf uns Deutsche zeigt.“ Wieder sagte Dieter „nein, das muss man doch so ernst nicht nehmen, das war so ein Spruch eines frustrierten jungen, wilden Grünen, vielleicht.“ Aber Sonja insistierte: „Warum hassen die uns so, nur weil unsere Reichen hier ihr Geld horten?“ „Ach, lass doch!“ antwortete Dieter, „womit wollen die uns denn Fluten? Mit diesen paar Gletschern, die sowieso jeden Tag weniger werden?“ „Aber wie lautete denn dieser Spruch“ fragte der Gastgeber ungeduldig, „erst mal auf den Tisch mit dem Casus cnusus!“
„Reißt die Alpen nieder! Flutet Deutschland!“.
Jetzt gab es eine lange Pause, aber dann lachten plötzlich alle. Nach einer Weile sagte der Gastgeber, „aber warum soll das deutschenfeindlich sein? Vielleicht wollte der uns alle, Deutsche und Schweizer nur näher ans Mittelmeer bringen? Aber die Welt ist ja noch voller Überraschungen und Verzauberung. Ich muss da mal hin auf diesen Parkplatz, nicht wahr, schön sind die, richtige Naturruheplätze und so sauber, wie man bei uns in der ganzen Republik nicht einen Parkplatz findet, fehlte nur noch, dass die da Bambus anpflanzen.“
Damit aber war dieses Thema nun an diesem Abend völlig beendet.
Im Mai des darauffolgenden Jahres erhielten Dieter und Sonja Post von ihren Bekannten, den besagten Gastgebern. „Was soll das“ meinte Sonja, „die hätten uns doch einmal anrufen können?“ Das Couvert war mit wunderbar steiler Handschrift beschriftet. Vielleicht was Wichtiges meinte Dieter. Der Inhalt des Schreibens, er las es vor:
Liebe Sonja, lieber Dieter,
wir waren kürzlich zu einem kurzen Skiurlaub im Wallis, der uns so liebe Langlauf war noch möglich, wenn auch auf geschönten Pisten, es ist trotz allem immer wieder wunderbar. Haben auf der Hinfahrt auf dem schönsten Eurer Naturparkplätze Rast gemacht, uns so gefreut, als Irene den Spruch neben der Telefonzelle fand. Mehr gibt es eigentlich nicht zu erzählen, nur dass der mir im Gehirn hängen blieb, bis ich eines Nachts aus dem Bett gesprungen bin - zu blöd, dass ich zur Bettlektüre auch noch mal nach den „Züricher Geschichten“ von Gottfried Keller gegriffen hatte - und das folgende Gedicht aufschrieb. Es musste jetzt endlich - und auf Teufel komm raus - heraus:

Mezzaterra, flutend

Da steht es,
Ewig wie das Wort
der Propheten vom Berg

„Reißt die Alpen nieder,
flutet Deutschland!“,

Eingraviert in Stein,
Im Beton der
Raststation Bern-Fribourg

Alpen sprengen?
Deutschland fluten?
Oh Schweizer Herz,
Ist’s Blut, ist’s Schmerz?

Was bringst Du?
Warmes Wasser jetzt
 nach Deutschland?
Ein Palmenmeer
und Milch und Honig?

Und das verfall‘ne Silberberg-Gewirr,
Was bringt das Gutes?
Ein kühler Lab‘drunk für
Den nord‘schen Durst?

Oh, welche Labsal doch
und wäre tödlich.
Sie käme schnell und wuchtig
Und mit einem Mal.
 
Alles liebe und bis demnächst mal!
Auch Irene lässt grüßen,
Gernot

Ohne weiter auf Sonja zu achten, legte Dieter los, „was ist das doch für ein Hund rief er, das nennt der ein Gedicht, ist das nicht eine reduzierte pädagogische Masturbation auf Kosten der Schweizer, von denen wir weiß Gott noch einiges lernen können?“ „Ja“, sagte Sonja, „wie zum Beispiel noch bis vor kurzem den Frauen das Wahlrecht zu verweigern! Hm? Als ob sie dich nicht beinah wegen einer - na wirklich - blöden Bemerkung einzulochen bereit gewesen wären! “ Dieter beruhigte sich. „Es ist zwecklos. Ich kann das nicht verstehen!“ „Dann frag ihn doch selbst, was er meint!“ Und in der Tat, Dieter setzte sich an den Schreibtisch. In seinem Brief stand nach vielem höflichen Gestammele:

„…Wie lässt sich ein solches Gedicht verstehen, mein lieber Freund? Nein, man muss ja bei Gedichten nicht alles verstehen, nicht wahr, das war uns ja früher selbst bei Trakl nicht möglich, geschweige denn bei den älteren großen Dichtern unserer Nation und wie sollte man schon solche Reihungen von Metaphern verstehen können. Was soll aber der Titel und vor allem das Wort Mezzaterra, geht’s um Mezzotinto oder was, oder wörtlich und ohne Google, um mittlere Erde dazwischen oder so? Wie könnte das hier passen? Und dann, da sprichst du ja wirklich von ‚Propheten vom Berg‘, im Plural gar, da kann aber doch nur Jesus gemeint sein. Eine Art Bergpredigt, sicher. Und unter uns, diese Schweizer sind doch völlig und ganz ohne solche Propheten ausgekommen, ein stilles Völkchen. Ich weiß nicht, was du überhaupt willst, und auch sprachlich ist das doch alles nur eine gequirlte merde! ...“ Danach wurde er wieder freundlicher, nicht ohne natürlich dann doch wieder in die Pädagogik von der Größe des Schweigens zu verfallen, als hätte er das gelernt! Er las den Kern des Briefs Sonja vor, es half auch das nicht, sie konnte eine Art Jammergeschrei nicht unterdrücken und meinte, sie wollte von diesem Spiel unter Platzhengsten jetzt nichts mehr wissen. Thema beendet. Dieter aber schickte ohne davon weiter zu reden den Brief ab.
Nach drei Tagen kam aber ein E-Mail:

Lieber Dieter,
Mezzaterra steht, wenn ich das erläutern darf, als Gegenstück zum Mittelmeer, oder eben für die zwischen dem Mittelmeer und Deutschland liegende Schweiz. Eine Art gemeinsamer Grund, symbolisch gewissermaßen. Mir scheint das angebracht, weil ja, wenn die Schweizer Berge untergingen, das Mittelmeer nach Deutschland fluten müsste, wie umgekehrt der Autor des Spruches, sicher ein intoleranter Fundi-Grüner, darauf hofft, mit solchen Fluten, die Gletscher können sie ja nicht mehr liefern, die zum Mittelmeer strömende deutsche Autoflut stoppen zu können. Sich treffende oder gar sich miteinander vermengende Fluten, dann doch! Ein bisschen gequält, was? Aber es sollte doch ganz nur zu Eurer Erbauung dienen.
Zürich bergwärts, da gab es einmal zu Zwinglis Zeiten ganze von ‚Propheten‘ und „Wiedertäufern“ beherrschte Bezirke, darunter litten auch die sonst meist weltoffenen Züricher, von der katholischen Diaspora, zu der unser grüner Held ja nicht zu zählen scheint, braucht man da gar nicht erst zu sprechen. Gehört das nicht auch zu Mezzaterra und zu der Schweiz? Ja, ich kenne die Schweizer, da ist in der Tat immer ein Stück Jesus dabei, selbst wenn sie nach den Fluten rufen.
Und Übrigens, ohne rechthaberisch klingen zu wollen, auch der Mohammed hat einen Berg, der heißt Arafat.
Schade, dass Dir mein Gedicht nicht gefallen hat. Auch Irene fand es schrecklich.
Herzlich, Gernot
PS: Das ehrlich Schreckliche ist, dass wir beide den Autor des Graffiti-Texts nicht kennen, nur er könnte uns wirklich einen Schlüssel geben zu dem, was er wirklich gemeint hat.

Da wäre es fast vermessen, dass Amalso sich noch einmal zu Wort meldet: Auch er muss gestehen, dass ihm der Spruch des jungen Schweizers ein Rätsel geblieben ist.




Amalso -  3


Stellen wir uns Amalso als einen Engländer vor, der er nun wirklich oft genug ist. Er ist kein Pursewarden, kein Konsul, kein M-5 Agent, aber doch ein großartiger Engländer. Als Mitglied der Klasse der Gebildeten, war es das Mindeste, dass er besser war, als er sich gab, und dass er viel arbeitete, viel mehr als er Anlass gab, es vermuten zu lassen. Man konnte fast seine Uhr danach stellen, an normalen Arbeitstagen, das waren für ihn sechs Tage, musste er um Sechs abends seinen ersten Drink haben. Seine Verbundenheit mit den English People drückte er damit aus, das er im Prinzip keinen Whisky trank, sondern Bier, wenn es etwas Scharfes sein musste, dann Wodka oder Gin. An Sonn- und Feiertagen, den Ausnahmetagen, leistete er sich die Ausnahme und trank bereits zum Lunch ein Glas Wein, eventuell davor schon ein Bier. Amalso ist Allround-Spezialist für Lehrerbildung, natürlich die Ausbildung von Englischlehrern, aber auch hier kommt es ja immer auf die spezifischen Bedingungen der Zeit und des Ortes an:
Sagen wir einmal, er war damals 1969 in Alexandria. Nicht einfach nur so, sondern ein wichtiger Mann des British Council, jung, aus Cambridge, gerade einmal 24 Jahre alt, Chief Inspector of English für die Schulen der nördlichen Delta-Provinzen. Amalso jedenfalls betrachtete das als einen wichtigen Job, hatte ein kleines Office in Downtown Alexandria, Saad Zaghloul-Street, reiste viel im Delta, obwohl es für westliche Ausländer aus militärischen Gründen gesperrt war, trank abends sein Bier, meist mit seiner Frau und einer Reihe von Ägyptern aus dem English education business im Pastroutis. Er hatte Zugang zu den Ägyptern, wie kaum ein anderer der wenigen damals sichtbaren Ausländer in der Stadt. Und freitags hatte er seinen Feiertag wie die Ägypter. Den verbrachte er in einer kleinen Villa in Agami, damals noch ein westlicher, silberner Wüstenstrand, mit seiner jungen Frau und gegen Abend dann doch viel Bier auf der Terrasse und mit vielen, aus der Stadt mitgebrachten Köstlichkeiten.
Warum mochte Abu Hashim ihn nicht leiden? Was hatte er da angestellt? Fragen, die ihn eigentlich gar nicht interessierten. Amalso ging es gut, er hatte seine Vorurteile gegen die Ägypter, aber das betraf nur seine Zweifel wegen ihrer Fähigkeiten zu arbeiten, und doch hätte er sich nie die Behauptung zugestanden, dass das British Empire vor allem auf dem Mythos der Faulheit der Eingeborenen beruhte.  Er wusste, dass Abu Hashim, der für den Ford-Escort zuständige Fahrer des Council, Trouble bringen würde, weil er ihn einmal korrigierte. Abu Hashim meinte, es wären die Kerzen, als der Escort einmal stotterte, Almaso sagte, nein es ist die Kohle, und hatte recht. Aber überhaupt, vom ersten Tag an, als er ihn sah, wusste Almaso, dass Abu Hashim ihm kein Glück bringen würde. Insgeheim hielt er ihn für inkompetent, als Fahrer, als Mechaniker, als Mensch. Margret, seine Frau machte ihm deswegen viele Vorhaltungen. Sie nannte das seinen geheimen Rassismus. Aber Amalso hatte da kein schlechtes Gewissen. Er meinte einfach, Abu Hashim und diese ganzen Ägypter überhaupt, sie können einfach nicht clever sein. Das erstaunliche war, dass sich die Ägypter überhaupt nicht um seine Vorurteile kümmerten, so wenig wie er selbst, denn er konnte ungehindert mit ihnen lachen, plaudern, trinken, wenn sie es trotz allem konnten, oder überhaupt er konnte einfach freundlich sein. Man könnte sagen, Amalso war arrogant, aber er trat so nicht auf, schließlich hat übermütiges Auftreten ja nichts mit Arroganz zu tun.   
Abu Hashim kam mit dem Auto zurecht, und auch mit den Terminen, die Amalso ihm setzte, Fahrten durch die Stadt, und durchs Delta, meist zu den ägyptischen Schulen. Abu Hashim hatte aber Amalso durchschaut, er meinte, der sei wirklich arrogant. Weder auf die Eselskarren, die Enten und Hühner, noch die vielen Menschen mit ihren Marktständen wollte er Rücksicht nehmen, immer nur schnell hindurch, dazu ist die Straße ja da, sollen die doch zur Seite springen.
An einem Samstagmorgen hatte Amalso einen Termin in Port Said. Abu Hashim sollte ihn am Freitagabend  in Agami abholen, man würde in einem Hotel in Port Said übernachten, im Continental, Gumhuriyya-Street. Abu Hashim war überzeugt, es sei am einfachsten, über Kairo zu fahren, von dort über Ismailiyya den Suezkanal hoch, insgesamt vier Stunden. Amalso meinte, das sei trotz der besseren Straßenverhältnisse eine Weltreise, mindestens doppelt soweit wie quer durchs Delta: also über Rosetta, Sidi Salim, Kafr Scheich, Damieta usw.! Das ist weniger als die halbe Strecke des Wegs über Kairo. Abu Hashim schwieg, und es wurde der späte Nachmittag verabredet, Abfahrt Agami so zwischen vier und fünf, Abu Hashim sagte nichts vom Maghreb, dem Gebet, das würde er schon irgendwie unterbringen, ohne dass Almaso ihm sagen würde, er wäre auf Reise und nach allen Regeln seiner Religion vom Gebet freigestellt.
Um drei kam Abu Hashim in Agami an, Amalso und seine Frau waren erstaunt, als der Wagen in die Auffahrt einbog, es war nicht der Escort. Abu Hashim saß in einem alten Peugeot oder jedenfalls ein schon alt und heruntergekommen aussehender Peugeot 406, groß, groß, aber eben wegen der vielfältigen Nutzungen ein arg mitgenommener Van. Neben den vielen Lehrertransporten, nutzte Abu Hashim eben auch diesen Wagen, an Wochenenden meist auch für die Fahrten zurück zur Familie in sein Dorf. „Der Escort ist in der Werkstatt zur Reparatur“, sagte Abu Hashim zu Amalso und seiner Frau Margret, als er die Treppe hoch zu ihnen auf die Terrasse kam, wo sie ihn noch immer erstaunt ansahen. Magret blickte Amalso, gewissermaßen in Antizipation eines Ausbruchs, mit starren Augen an, immer ein Zeichen, dass er sich zurückhalten solle. Sie ging in die Küche und bereitete den Tee für Abu Hashim vor. Amalso fragte Abu Hashim, ob er eine gute Fahrt gehabt habe und von wo er eigentlich herkomme. Nein er habe nicht in Alex, sondern in Abu Hommos, in seinem Dorf, übernachtet, Familie. Margret kam und brachte den Tee. Amalso wurde jetzt  von Margret erinnert, dass Zurückhaltung klug sei. Ach, ja, es war, ja sein Feiertag, wie geht’s der Familie. Abu Hashim,  der jetzt auf einem Bambusrohrstuhl vor ihnen saß, lächelte und schlürfte seinen Tee, er war ganz dankbar und freundlich. Amalso ging Tasche und Koffer holen, die Abu Hashim im Auto verstaute. So verabschiedeten sich die beiden von Margret.
Amalso hatte nichts gegen die Franzosen, im Gegenteil, er war einer der wenigen seines Jahrgangs, die Französisch gelernt hatten, aber dieser Peugeot, nein, das war sein Untergang, er konnte auf seinen Drink verzichten, aber dieses Auto, nein. So jedenfalls saß er neben Abu Hashim. Sie brauchten für die fünfzig Kilometer von Agami nach Montaza von West nach Ost quer durch die ganze Stadt etwa knapp zwei Stunden. Der Osten rötete sich langsam immer dunkler werdend von den Reflexionen, die der in ihrem Rücken untergehende Feuerball übers Meer in die Welt schickte. Um Sieben, es war jetzt schon fast dunkel, waren sie in Rosetta, dort wollte Abu Hashim die Fähre über den Nil nehmen. Amalso war anderer Meinung. Wir können doch in Edfina, die wunderbare Brücke auf dem Staudamm nehmen, das ist ein kleiner Umweg, aber weniger zeitaufwendig. Auf dem Weg nach Edfina, kurz hinter Dibi, gab es Geräusche. Abu Hashim stieg aus und fixierte ein Stück im hinteren Wagenteil. Kurz bevor sie am Park des ehemaligen Schlosses von King Faruk auf den Staudamm zur Brücke hinfuhren, blieb der Wagen nach einigem Stottern stehen.
Schon wieder die Kerzen? Oder die Elektroden? Sie hatten einfach nicht darauf geachtet, der Benzinanzeiger funktionierte schon seit langem nicht, meinte Abu Hashim. Da fielen Amalso eine Reihe von empörenden Fragen ein, die alle nur mit Selbstvorwürfen enden würden. Er dachte an Marget und hielt sich zurück. Aber es beschlich ihn ein unendlicher Durst. Abu Hashim hatte einen leeren Kanister im hinteren Abteil, bevor Amalso etwas über seinen Durst sagen konnte, trotte er mit dem Kanister davon, über die Brücke Richtung Metoubis auf der anderen Seite des Nil. Es war Nacht, die großen einst glänzenden gusseisernen Lampen leuchteten nicht, es war ja noch Krieg. Ab und an trottete ein Eselskarren mit einem Feldlicht unten zwischen den Rädern an der Achse an ihm vorbei, dann ein Schatten von einem Fahrradfahrer, alles erstaunlich leer, niemand mochte ihn ansprechen. War es das Ausländerkennzeichen am Institutsauto, an dem er lehnte? Irgendwann schmiss er die Wagentür zu, ließ den Peugeot hinterrücks stehen, ging zur Brücke und lehnte sich dort ans Geländer, starrte hinunter, alles schwarz, noch kein Mond. Drüben von der Metoubis-Seite her, ab und an ein spärlicher Schimmer, nichts. Amalso war so voller Zorn, dass er nichts weiter wahrnahm, nicht einmal eine Gruppe von Soldaten, er hielt das Stück Eisengeländer in der Hand als wäre es London Bridge, ein Stück England, das es ja war, home… Natürlich wusste Amalso, dass er, sollte Abu Hashim  jetzt länger wegbleiben, in Gefahr war, festgesetzt zu werden. Die Soldaten hatten ihn noch nicht wahrgenommen. Er blickte hinüber, seitlich unter der Brücke auf einer Plattform aus pyramidal gemeißelten Steinen saßen sie, vergnügten sich um ein kleines aber weithin leuchtendes Feuer. Warum durften die das? Plötzlich zwei riesengroße Scheinwerfer. Die Soldaten kamen in Bewegung, löschten das Feuer. Er wurde angesprochen. Nein, es war nicht die Staatssicherheit, ein riesengroßer Buick. Der, der neben ihm stand und ihn ansprach, war ein großer brauner Ägypter mit Moustache, weißes Hemd, grauer Anzug, glattes Tuch. My friend! Tauchte es Amalso im Gehirn auf. Sir, hello! Ja so passiert es, das Problem war groß, der Fahrer ein Pechvogel, weg. Nein, nicht dass es sich nicht lösen ließe. Er überzeugt nicht, aber er blickt, während er sich erklärt, in ein schönes, lächelndes Gesicht, dieser Mann war so schön wie Omar Sharif. Noch während er so redet, taucht im Blick Abu Hashims runde Gestalt auf, breit lächelnd hinter dem Buick stand er, neben ihm der Kanister. Amalso wusste es, irgendwie war er hier doch zu Hause.
Obwohl jetzt der Tank des Peugeot wieder gefüllt war, gab es in dieser Nacht kein entkommen. Es war, als ließe Omar Sharif persönlich bitten. Unausweichlich, es gab gekochte Eier, Pickles, Gemüse, Salate und die Eier durften in einem Saatar aus dem Libanon getunkt werden, etwas, wovon Amalso bisher noch keine Ahnung hatte. Whisky musste sein, ägyptisch verdünnt, mit Eis und Wasser, auf einer Veranda am Nil, über dem nun ein voller Mond aufstieg.
Abu Hashim und Amalso setzten erst am nächsten morgen ihre beschwerliche Reise nach Port Said fort.



Amalso - 1

Afrikanische Masken


Gehen wir einmal davon aus, dass Amalso ein Italiener sei. Es ist wahr, in diese Rolle schlüpfte er des Öfteren, aber hier jetzt war Amalso wirklich in Albenga an der italienischen Riviera, ein Italiener der besten Sorte aus Milano. Er war ein zwischen der Linken und der Rechten hängengebliebener italienischer Intellektueller, der in Milano zusammen mit seiner Frau Elisabetha eine Sprachschule unterhielt, Englisch, Französisch usw. Nach Albenga war er allein gekommen, eine kleine Pension in der engen Altstadt tats. In langen Spaziergängen unter den steilen rot-dunklen Wänden des centro storico, über die weiten Strandpromenaden hinaus, und flatternd silbriges Wasser über die Füße streichend erging er sich. Noch war die Saison nicht eröffnet, Albenga war weitgehend leer. Für Amalso war das meno male, denn es lieferte die gebotene Ruhe, den Streit mit Elisabetha, der ebenfalls Schul-leitenden Frau zu überdenken und auszuheilen. Drinnen, in sich. Nach einem seiner längeren Spaziergänge kam er sich zum Zentrum zurückwendend wieder auf die Palmen-Promenade. Da scheinte es auf, wie zwischen zwei schlechten Gedanken, er wollte es nicht wahrnehmen, das intelligent freundliche Gesicht, es war von einem Schwarzen, und das brauchte er jetzt nicht. Der war aber, als Amalso sich näherte von seiner Bank aufgestanden, lächelnd dreinblickend zeigte er auf seine Tragtasche aus grüner Plastik. Zeitungsfetzen quollen heraus und dazwischen hier und da die klare glatte Stirn einer Holzmaske. Er sprach ein einladend liebliches, schönes Französisch. Amalso beschloss, umso arroganter, sich dieser Herausforderung nicht zu stellen. Doch da kam jetzt, als er schon fast vorbei war, die bleiche, weiße Rundung aus den verkrumpelten Zeitungen hervor, und darunter starrten dunkle Augenhöhlen. Er kam zurück und fragte nach dem Preis. Lächerlich, dachte er. Und doch, er musste ihn auf die Hälfte herunterwinden, den lächerlichen Preis ins Traurige bringen. Nichts, was das freundliche Gesicht erschüttern konnte. Ein paar Worte auf Französisch, ja, er habe sie aus Paris, wunderbar, nicht wahr? Wunderbar, Amalso begann hingerissen zu sein und verabschiedete sich schnell. In der kleinen Pension gab es ein funktionierendes Telefon, jetzt nur nicht übers Handy sprechen. Elisabetha meldete sich knapp. Er erzählte von den Maske, wollte fast nicht aufhören, bis er von den Masken aufs über seine Füße spülende Mittelmeer zu sprechen kam. Elisabetha hatte ihm verzeihen und überlegte insgeheim schon, wo sie die afrikanischen Masken anbringen könnte, so dass der Zauber des uralten Mythos erhalten bleiben und zugleich doch mit der Bücherwand eine neue Verknüpfung eingehen könne.  

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